Fusion und Kauf des Teutonenhauses

Die technisch-wissenschaftlichen Emanzipationsbestrebungen nahmen ihren Fortgang, indem sich Cheruscia am 26. Mai 1905 in eine freie Burschenschaft umwandelte. Damit erhoffte sie den Anschluss an den zweitgrößten Technikerverband, den Rüdesheimer Verband deutscher Burschenschaften (RVdB) zu erlangen. Als die TH Aachen am 1. Oktober 1905 das Maturitätsprinzip einführte, übernahm Cheruscia dieses Aufnahmekriterium in ihre Satzung.

Der RVdB-Burschentag thematisierte 1906 die Stellung des Verbands zu den freien Burschenschaften. Er kam überein, diese nicht mehr anzuerkennen. Das vorliegende Aufnahmegesuch der Freien Burschenschaft Cheruscia Aachen wurde damit gegenstandslos. Mit Verweigerung der Aufnahme Cheruscias bei gleichzeitiger Verschärfung der korporativen Verhältnisse in Aachen war der Verband in Zugzwang gekommen, eine eigene mature Burschenschaft zu gründen.

Stiftungsfest der Freien Burschenschaft Cheruscia 1905

Seit dem 7. Juli 1891 vertrat nur die Burschenschaft Alania (gegr. 1. Mai 1876) die burschenschaftlichen Ideen in Aachen. Als einzige Burschenschaft am Ort konnte Alania die Dominanz der Corps im Hochschulleben nicht brechen. Um die Burschenschaft auf eine breitere Grundlage zu stellen, gründete der Rüdesheimer Verband am 10. Oktober 1906 Rheno-Germania Aachen. Sie rekrutierte sich überwiegend aus Mitgliedern anderer Verbandsburschenschaften. Als Couleurfarben wurde Schwarz-Rot-Gold, sowie eine militärrote Mütze gewählt. Der Wahlspruch „Ehre – Freiheit – Vaterland“ war Ausdruck sowohl der staatsbürgerlichen und ethischen Verantwortung, der sich Rheno-Germania verpflichtet fühlte als auch der individuellen Freiheitsrechte, die sie für sich deklarierte.

Wappen der Burschenschaft Rheno-Germania 1907

Seit ihrer Gründung litt Rheno-Germania unter Mitgliederschwäche, da sich immer weniger Studenten an der TH immatrikulierten und die wenigen neuen Studenten mitgliederstarke Korporationen bevorzugten. Trotz hoher Subventionen durch den Verband stellte sich ein Mitgliederzuwachs nicht ein. Am 17. März 1909 suspendierte sie und fusionierte mit der mitgliederstarken Freien Burschenschaft Cheruscia zur neugegründeten Teutonia Aachen. Der Wahlspruch und die Farben wurden von den Rhein-Germanen übernommen. Im SS 1910 wurde eine schwarze Samtmütze eingeführt. Als Aufnahmevoraussetzung in den RVdB musste sich Teutonia von den nichtmaturen Mitgliedern der ehemaligen Cheruscia trennen. Die Konkurrenzsituation zum Referenzsystem Deutsche Burschenschaft prägte weiterhin das Ringen um gesellschaftliche Reputation. Daher ließ der Technikerverband keine Ausnahme vom Maturitätsprinzip zu.

Da die Techniker aufgrund ihrer Vorbildung von den Akademikern geschnitten wurden,
versuchten sie ihre mangelnde Gleichberechtigung durch ein verstärktes nationales Auftreten zu kompensieren. Teutonia schloss sich daher völkischen und nationalen Vereinen an. Neben der Deutschen Kolonialgesellschaft und dem Verein Südmark gehörte sie über den RVdB dem Alldeutschen Verband, dem Allgemeinen Deutschen Schulverein und dem Allgemeinen deutschen Sprachverein an. Die Aachener Burschenschaften wurden mit ihrer politischen Auffassung, ihrem Forderungskatalog und in ihrem Handeln richtungsweisend für die Aachener Studentenschaft. Dies zeigte sich u. a. beim Ultramontanismusstreit (1905–1908), in dessen Rahmen die satisfaktionsgebenden Korporationen die konfessionellen Verbindungen bekämpften. Die örtliche Burschenschaft fungierte als Leitverband, dem sich die anderen schlagenden Verbindungen und die Freistudentenschaft anschlossen.

Da die soziale Stellung der technischen Studenten ungefestigt war, reflektierten die studentischen Mitglieder Teutonias auf den Nimbus ihrer Altherrenschaft, die den Burschenschaftern aufgrund ihrer beruflichen Positionen und Werdegänge die Kontaktaufnahme mit den gesellschaftlichen Eliten erleichtern konnten, was für die Verbindungen auch ein wichtiges Keilargument darstellte. Teutonia ging dazu über und verlieh renommierten Professoren wie dem Maler August von Brandis, dem Anglisten Gustav Plessow oder dem Kunsthistoriker Max Schmid-Burgk die Ehrenmitgliedschaft.

Da es der Mehrheit der technischen Korporationen aufgrund ihrer späten Gründung an Tradition mangelte, gingen sie daran, diesen Minderwertigkeitskomplex zu kompensieren, u. a. mittels Hauserwerb. Teutonia erwarb 1913 ein adäquates Bundeshaus, welches dem klassischen Repräsentationsbedürfnis, aber ebenso auch neuesten technischen Ansprüchen genügte.

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